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Auf dem einen Nazivergleichsauge blind

12. Oktober 2009

Thilo Sarrazin hat ein Interview gegeben, in dem sich einige Anklänge an die nationalsozialitische Propaganda finden lassen, z.B. an

  • Unterteilung in nützliche und unnütze Menschen („Eine große Zahl an Arabern und Türken […] hat keine produktive Funktion“, „zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden“)
  • Vernichtungswünsche („Dieser Teil muss sich auswachsen.“)
  • Überschwemmungsphantasien („Die Türken erobern Deutschland […] durch eine höhere Geburtenrate.“)
  • Rassenüberlegenheit („wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ“)
  • Entmenschlichung („Ich muss niemanden anerkennen, der […] ständige neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“)

Wie nicht anders zu erwarten wird Sarrazin dabei von Broder verteidigt, dessen einziger Kritikpunkt lautet:

Sarrazin hat Recht, man könnte ihm allenfalls vorwerfen, dass er in seiner Analyse nicht weit genug geht.

Henryk M. Broder: „Deutschland in Aufruhr“

Soviel zur Einführung, denn eigentlich soll es diesmal nur um einen kleinen Randaspekt gehen.

Frage: Wie nennt es Broder, wenn Stephan Kramer, Generalsekretär des ZdJ, benennt, in welch unseliger Tradition sich die Worte von Sarrazin befinden?

Gestern hat [Stephan Kramer] auf einer Pressekonferenz zusammen mit der “Türkischen Gemeinde” den Rücktritt von Thilo Sarrazin als Vorstand der Bundesbank verlangt – mit diesen Worten: „Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist, er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“ […]
[Stephan Kramer] ist es, der sich wegen einer unsäglichen Verharmlosung des Dritten Reiches entschuldigen und von seinem Amt als Generalsekretär des Zentralrates zurücktreten sollte.

Henryk M. Broder: „Kramer, springen Sie!“

Eine „unsäglichen Verharmlosung des Dritten Reiches“ also.

Andere Frage: wie nennt man es, wenn Broder routinemäßig Nazi-Vergleiche anstellt, von denen „Kinder-Stürmer“ für die taz, die Gestapo-Gleichsetzung der Wiener Polizei und die Freisler-Vergleiche für Richter wohl nur die Spitze des Eisbergs sind und dann die verharmlosende Wirkung von Nazi-Vergleichen beklagt?

Senilität? Doppelmoral? Weggetretenheit?

Der Leser möge selbst entscheiden. Vermutlich steht derartige Selbstvergessenheit einfach ausserhalb jeder Kategorie.

Update: Da der angegebene Link zum Artikel „Kramer, springen Sie!“ von Henryk M. Broder inzwischen auf einen anderen Artikel verweist, ist hier der Artikel-Text archiviert:

Mein Freund Stefan Kramer raucht nicht, kifft nicht, trinkt nur Mineralwasser und arbeitet jeden Tag etwa 16 Stunden. Trotzdem rastet er gelegentlich aus. Erst vor ein paar Tagen hat er Harald Schmidt aufgefordert, sich zu entschuldigen, weil dieser mit einem Scherz das Dritte Reich verharmlost haben soll. Gestern hat er auf einer Pressekonferenz zusammen mit der “Türkischen Gemeinde” den Rücktritt von Thilo Sarrazin als Vorstand der Bundesbank verlangt – mit diesen Worten:

„Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist, er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“

Worauf Agenturen und Zeitungen zu Recht titelten: “Zentralrat der Juden vergleicht Sarrazin mit Hitler.”
Kramers Vorwurf ist so absurd, so daneben, so gaga, dass sich eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihm verbietet. “Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist”, würde Karl Kraus sagen. Und würde jemand auf die Idee kommen, Kramer mit Spinoza, Marx und Einstein in “eine Reihe” zu stellen, wäre das ebenso undiskutierbar. Bleibt also nur die Frage, was es sein könnte, das Kramer umtreibt. Vermutlich nackter Aktionismus, gepaart mit galoppierendem Realitätsverlust, wie er bei Generalsekretären politischer Organisationen zur Voraussetzung ihrer Tätigkeit gehört, eine Art “deformation professionelle”, die freilich nicht ganz unreflektiert daherkommt. In vielen Fällen steht die produzierte Empörung in keinem Verhältnis zu ihrem Anlass, es kommt auch vor, dass die Reaktion umso heftiger ausfällt, je nichtiger der Auslöser war.
Sich mit dem Bundespräsidenten anzulegen, der innerhalb von zwei Monaten gleich zwei praktizierenden Antisemiten (Langer und Mankell) die Ehre einer Auszeichnung erwiesen hatte, das hat Kramer nicht gewagt, da kam eine natürliche Autoritätsbremse zum Einsatz; sich auf Kosten von Sarrazin zu profilieren, der angezählt in einer Ecke steht, das geht allemal. Aber diesmal ist Kramer, der angesichts der schwindenden Bedeutung des Zentralrates eine taktische Allianz mit der “Türkischen Gemeinde” sucht, zu weit gegangen. Er ist es, der sich wegen einer unsäglichen Verharmlosung des Dritten Reiches entschuldigen und von seinem Amt als Generalsekretär des Zentralrates zurücktreten sollte. Das wird natürlich nicht passieren. Denn bei den Juden ist die Personaldecke ebenso dünn wie bei den Sozialdemokraten. Und da muss man jedem dankbar sein, der bereit ist, einen Job zu übernehmen. Und dazu hat schon Gustav Noske das Nötige gesagt und getan.