Archive for the ‘wagner’ Category

Team Richard Wagner/Wolfgang Röhl vs. Realität

2. Oktober 2008

Der Psychologe Philip Zimbardo hat im Stanford Prison Experiment die menschliche Natur untersucht. Zusammen mit dem Milgram Experiment lässt sich wenig schmeichelhaftes über diese sagen: die meisten normalen, durchschnittlichen Menschen lassen sich unter geeigneten Umständen zur passiven oder gar aktiven Mitarbeit an Handlungen bringen, die sie in einem anderen Kontext vermutlich als unmenschlich ablehnen würden. Zimbardo sagt dazu in einem Interview folgendes:

Keiner versuchte, die bösen Wärter zu stoppen. Sie hätten sagen können: Lass uns aufhören, verrückt zu spielen. […] Wenige schaffen es, dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. Faszinierend finde ich, dass wir nie vorhersagen können, wer das sein wird. Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?

Aus diesem Grunde zieht Zimbardo im Interview das Fazit: „Wir alle sind verführbar“. Das aber kann Richard Wagner nicht auf sich sitzen lassen, schließlich schreibt er ja für die „Achse des Guten“:

Zimbardos Fazit daraus: „Wir alle sind verführbar“. Das aber ist eine neue Form des Relativismus, es ist ein moralischer Relativismus, und, in den Zeiten des politisch Korrekten, wohl kaum überraschend. […] Nicht in einer von aggressivem Religionspotential gesteuerten Mentalität liege das Problem, sondern in der menschlichen Natur. Das heißt, wir sind auch nicht besser, trotz aller Grundsätze und Grundgesetze, als eine Gesellschaft ohne all das.

Der aufgeklärte Westler ist auch zu bösen Handlungen verführbar und nicht nur der zurückgebliebene Kamelficker? Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis erschafft sich das Weltbild von Richard Wagners da lieber ganz realsozialistisch einen besseren Menschen.

Das ist kurios. Denn gerade Richard Wagner und Achsen-Kollege Wolfgang Röhl sind bestimmt keine Geschwister Scholl. Eher im Gegenteil. Für Richard Wagner gehört Kritik am Vaterland in eine religiöse Kategorie, während Wolfgang Röhl sich „1000 Jahre Knast“ für diejenigen wünscht, die sich kritisch mit Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik beschäftigen:

Wenn vom 15. bis 24. August das „Antirassismus- und Klimacamp“ in Hamburg steigt, eine herrlich bunte Chaotenfete mit bis zu 2500 erwarteten Teilnehmern aus ganz Europa, kommen schnell mal 1000 Jahre Knast zusammen. Jahre wohlgemerkt, die hätten verhängt werden müssen, wenn Körperverletzungen, Landfriedensbrüche, Sachbeschädigungen usw., die bei früherer Randale wie in Heiligendamm verübt wurden, geahndet worden wären, was natürlich nicht der Fall ist.

Aber wie das mit 1000jährigen Dingen eben so ist: sie sind manchmal schneller zu Ende als von Wolfgang Röhl gewünscht. Denn warum wurden diese Straftaten „natürlich“ nicht geahndet? Weil sich viele Verfahren gegen Demonstranten als lächerliche Justizposse entpuppt haben, z.B. die Festnahme aufgrund des Besitzes einer Knirscherschiene. Und nun also ist Wolfgang Röhl ganz empört, dass Leute mit so gefährlichen Knirscherschienen, statt im Knast zu landen, frei herumlaufen und sich sogar in Antirassismus-Initiativen zusammenschliessen dürfen, um sich um Fälle wie den folgenden zu kümmern:

Dies war zum Beispiel im März 2005 der Fall bei Sarai Kameli, einer Iranerin, die wegen der Ehescheidung von ihrem muslimischen Mann und dem Übertritt zum Christentum bei erfolgter Abschiebung im Iran mit Steinigung bedroht gewesen wäre. Erst durch massive Proteste von Menschenrechtsgruppen und Kirchenvertretern vom niedersächsischen Landtag neu aufgerollt und als Härtefall zu Gunsten der Betroffenen entschieden.

Nun steht es natürlich jedem frei, dass einem solche Fälle völlig am Arsch vorbei gehen. Aber wie Wolfgang Röhl dann noch Leute in den Knast wünschen, die gegen staatliche Unmenschlichkeit ankämpfen – das ist arg zynisch. Da bleibt nur die Hoffnung, dass sich Wolfgang Röhl wenigstens nicht auch noch wie Richard Wagner für einen besseren Menschen hält.

Verdrängungsleistung in Tonnen

2. Mai 2008

Der sich von bösen, ausländischen Sozialschmarotzern so arg über den Tisch gezogen fühlende arme kleine Deutsche Richard Wagner ist von der Achse des Guten inzwischen zum regulären Autoren geschlagen worden – offenbar möchte die Achse ihren nationalen Flügel stärken. Wohl bekomms.

Im Beitrag „Klaus Wowereit ist Paris Hilton“ beschäftigt sich Wagner nun mit der Schließung des Berliner Flughafens Tempelhof. Dabei beweist er allerdings ein derart schlechtes Gedächtnis, daß wohl nur freudsches Vergessen in Frage kommen kann:

Von Marzahn aus gesehen, ist Tempelhof weit weg, jedenfalls nicht näher als der ehemalige Ostflughafen Schönefeld, den der Berliner Senat favorisiert. In Marzahn betrachtet man die Tempelhofangelegenheit als West-Problem, als West-Luxusproblem. Immer wieder zeigt sich in den Berliner Debatten, auch über die Flughafenfrage hinaus, die Fremdheit zwischen Ost und West, die unterschiedliche Geschichte.

Die Betrachtung der Ost-West-Wahrnehmungsdifferenzen an sich mag sicher nicht falsch sein. Durch die monokausale Erklärung der Flughafen-Schließung im gesamten Beitrag erweckt Wagner allerdings den Eindruck, er glaube an eine ost-kommunistische Verschwörung, um den Flughafen Tempelhof als Symbol der Freiheit den Westberlinern zugunsten des „Ost-Flughafens“ Schönefelds zu entreissen. Aber wie war es wirklich?

Im sogenannten „Konsensbeschluss“ einigten sich 1996 Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) auf den Neubau eines Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI), in dessen Folge auch die Schließung der innerstädtischen Flughäfen Tempelhof und Tegel vereinbart wurde.

Oh nein! Die CDU scheint maßgeblich in diese kommunistische Verschwörung verstrickt gewesen zu sein. Kein Wunder, daß Wagner das lieber verdrängt. Aber was die CDU betrifft, ist Wagner mit seiner Verdrängungsleistung noch lange nicht am Ende:

Wenn das alteingesessene Bürgertum der Stadt zum Instrument des Plebiszits greift, so hat das zwar mit dem Nachkriegswestberlin und seiner kalten Abwicklung zu tun, aber auch mit der generellen Defensive, in die das Bürgerliche seit der Vereinigung geraten ist. Nach den schweren Krisen des politischen Filzes in den neunziger Jahren, die am deutlichsten mit dem Skandal um die Landesbank und ihre geschlossenen Fonds, von denen Politiker und Lobbyisten aller Richtungen profitierten, einschließlich die Millionäre von der PDS, zu tage trat, kam es in der Folge zu der bis heute im Halbschlaf regierenden Koalition aus Sozialdemokraten und SED-Erben.

Die einzige Partei, die einen derart hohen Anteil am Berliner Bankenskandel hat, daß sie namentlich genannt werden muß, ist also die PDS? Aber wie war es wirklich?

Unter dem Berliner Bankenskandal versteht man die Vorgänge um die landeseigene Bankgesellschaft Berlin, deren wirtschaftlicher Zusammenbruch das Land Berlin finanziell belastet. Bemerkenswert ist hierbei die starke Verflechtung zahlreicher Politiker der Koalition aus CDU und SPD. Gegen ehemals führende Mitglieder wie Klaus-Rüdiger Landowsky wird mittlerweile wegen Annahme von Bestechungsgeldern und Untreue ermittelt. Der Bankenskandal führte 2001 zum Sturz des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen. […] In den folgenden Monaten kam nach und nach das Ausmaß der Gesetzesverstöße zum Vorschein. So wurden seit langem und systematisch Verluste über Netzwerke von Strohmännern verborgen, Risiken aus Geschäften wurden mit dubiosen Verträgen auf das Land Berlin abgewälzt. Für einen ausgewählten Personenkreis (vor allem Prominente, Mitglieder der Regierungsparteien CDU und SPD, Bankmanager sowie deren Bekanntenkreis) wurden Sonderfonds angeboten, deren Konditionen noch wesentlich besser als die der normalen Immobilienfonds waren.

Und was ist mit den Millionären von der PDS? Soweit das Gedächtnis von Google reicht ungefähr folgendes:

Erst recht unverdächtig ist das Engagement von Gregor Gysi beim Fonds „IBV International 2“. Dieser Fonds, der auch Immobilien in den USA und Schweden umfasst, wurde erst von 2000 an vertrieben. Daher galten die steuerlichen Sonderabschreibungen Ost nicht mehr. Zudem hatte sich die Bankgesellschaft aus der früheren Kompletthaftung für die Fondsrisiken längst zurückgezogen. Der Fonds „IBV International 2“ hat Branchenbeobachtern zufolge in keiner Weise zur Schieflage der Bankgesellschaft beigetragen. Die Fonds-Zeichner kamen nicht mehr in den Genuss einer die gesamte Laufzeit von 20 Jahren umfassenden Mietgarantie.

Stattdessen wurde ihnen für nur zehn Jahre eine Mindestausschüttung in Höhe von sechs Prozent des gezeichneten Kapitals zugesagt. Und nur diese zehn Jahre lang haben Anleger die Möglichkeit, ihre Fonds-Anteile zu 90 Prozent des Ankaufswertes zurückzugeben. Davon hat Gysi jetzt Gebrauch gemacht, um erst gar keine Interessenkollisionen in seinem neuen Amt aufkommen zu lassen.

Fakt ist also: Der Berliner Bankenskandal ist ein Skandal des Filzes aus CDU und SPD, mithin genau jenes „Bürgerliche“, was Wagner so beschwört. CDU und SPD sind die Auslöser der finanziellen Misere, in der sich Berlin nun befindet und insbesondere auch diejenigen, die mit dem Abbau der Subventionen aus dem kalten Krieg nicht zurechtkamen. Und was Wagners schüchterne Formulierung „kam es in Folge“ betrifft, so kann man ruhig etwas deutlicher werden: Die Berliner CDU hat es ob ihrer massiven Verstrickung in diesen Skandal aus der Regierung gefegt, völlig zurecht. Und nun läuft Wagners Verdrängung zur finalen Hochform auf:

Dieses Berlin ist nicht Hauptstadt, weil es Hauptstadt wäre, sondern um einen Sonderstatus einzuklagen, die Subvention durch den Bund, also Deutschland. Das Zweckbündnis der linken Kräfte des Herzens in Ost und West bedient letzten Endes den Kreislauf der Sozialkassen. […] Das aber beschäftigt praktisch niemanden und schon gar nicht die Helden der Spaßgesellschaft. […] Verloren haben am Sonntag die Gegner der Spaßgesellschaft, die, die es ernst meinen mit Wirtschaft und Leistung, mit der Zukunft unserer Gesellschaft, sie haben am Sonntag symbolisch verloren, tatsächlich haben sie schon lange verloren.

Fakt ist: in das, was Wagner nun allein den „linken Kräften“ in die Schuhe schieben möchte, ist maßgeblich auch die CDU verstrickt, unter anderem durch den Bankenskandal: sich auf Subventionen durch den Sonderstatus Berlins verlassen, eine sich persönlich bereichernde „Spaßgesellschaft“ bilden, sich nicht damit zu beschäftigen, was das für die Zukunft Berlins bedeutet und so den Gedanken von „Wirtschaft und Leistung“ nachhaltig auf den Kopf stellen und ruinieren.

Es ist schon beachtlich, zu welch kapitalen Verdrehungen Richard Wagner greifen muß, um sein Weltbild zu retten – ähnlich grandios wie die Leistung der Berliner CDU, gegen ihr eigenen Beschlüsse zur Flughafen-Schließung eine Kampagne zu fahren. Vielleicht ja Alzheimer im Endstadium – bei beiden.

Anmerkung: Hervorhebung in Zitaten von Brodaganda.

Strammstehen vor der Fahne

31. März 2008

Waren das nicht selige Zeiten, als die Nörgelei vaterlandsloser Gesellen über Heimat und unfehlbare Führer kurzerhand als Zersetzung der Volksmoral, Propagierung defätistischer Gedanken oder gar landesverräterische Feindbegünstigung justiziabel war?

Aber die sind vorbei. Daher hat Richard Wagner leider nicht mehr viel in der Hand, um sich gegen die Überflutung mit Feindpropaganda zur Wehr zu setzen:

Urs Jaeggi, Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik (Fischer 1969)

(Der Megabestseller jener Jahre. Bis 1974 wurden 205.000 Exemplare verkauft. Sein Anliegen: Die Verteufelung der Bundesrepublik mit dem Instrumentarium der Soziologie.)

Welche Demokratiedefizite muß jemand haben, um eine kritische Auseinandersetzung mit Deutschland, eine wissenschaftliche noch dazu, mit dem religiösen Terminus „verteufeln“ zu konnotieren? Schulapelle, Schulgebet und Strammstehen vor der Fahne sind für den vermutlich auch nicht mehr weit.

Armer kleiner Wagner

6. März 2008

Richard Wagner (Gastautor) darf in der Achse des Guten die Sau rauslassen, dort, wo bei regulären Schreibern vermutlich noch die Schamgrenze vor ist. Erst geht es um dänische Karrikaturen, aber dann bricht es aus ihm heraus: die armen Deutschen werden doch tatsächlich von volkskörperfremden Schädlingen ausgesaugt! Wird man ja wohl nochmal sagen dürfen:

Es geht wieder einmal um unsere moslemische Einwandererschaft […] Für den Rest der Versorgung, für die Bewältigung des Alltags, sorgen die verschiedenen Ämter unseres Sozialstaats. Man ist rundum versichert, mit reichlich Kindergeld und Hartz 1V und Krankenkasse ausgestattet. Bei uns fällt ja keiner durchs soziale Netz, es sei denn, er ist ein Einheimischer, ein Alki oder sonst ein Depp. Dem frommen Islamisten kann derlei Ungeschicktes nicht passieren.

Dafür sorgen schon die braven deutschen Mädels von den Hilfsorganisationen und im Notfall die mit ihnen befreundeten Anwälte, das gesamte 68er Gefolge, Marke: Ausländer lasst uns mit den Deutschen nicht allein. […]

Oh nein! Die Maden in der deutschen Volkskartoffel wollen also Richard Wagners Wohlstand wegschmarotzen. Das ist natürlich nicht schön. Richard Wagner, der arme kleine Deutsche, dauert mich auch. Daher möchte ich ihm mit folgendem Video ein bißchen Trost spenden. Am besten laut mitsingen und den ganz Frust rausbrüllen. Das hilft! Und wenn nicht, kann man ja immer noch „rechts von der CDU“ wählen.

(YouTube: Knarf Rellöm Trinity – Arme Kleine Deutsche, 3:30 min)

Arme kleine Deutsche!

Haben keine Rechte
Werden überall verboten
Die ganze Welt ist gegen sie
Die ganze Welt hat sich verschworen
Kriegen einen Maulkorb
Sind keine Nazis, aber …
man wird ja wohl nochmal sagen dürfen
man wird ja wohl nochmal sagen dürfen!
die andern sind in der Überzahl!
die andern sind in der Überzahl!!

Arme kleine Deutsche!
[…]
Arme kleine Deutsche!

Haben keine Rechte
Werden überall verfolgt
Werden zusammengetreten und verprügelt
Sind bald nicht mehr da
Sind bald nicht mehr da
Gibts bald nicht mehr
Gibts bald nicht mehr