Team Richard Wagner/Wolfgang Röhl vs. Realität

Der Psychologe Philip Zimbardo hat im Stanford Prison Experiment die menschliche Natur untersucht. Zusammen mit dem Milgram Experiment lässt sich wenig schmeichelhaftes über diese sagen: die meisten normalen, durchschnittlichen Menschen lassen sich unter geeigneten Umständen zur passiven oder gar aktiven Mitarbeit an Handlungen bringen, die sie in einem anderen Kontext vermutlich als unmenschlich ablehnen würden. Zimbardo sagt dazu in einem Interview folgendes:

Keiner versuchte, die bösen Wärter zu stoppen. Sie hätten sagen können: Lass uns aufhören, verrückt zu spielen. […] Wenige schaffen es, dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. Faszinierend finde ich, dass wir nie vorhersagen können, wer das sein wird. Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?

Aus diesem Grunde zieht Zimbardo im Interview das Fazit: „Wir alle sind verführbar“. Das aber kann Richard Wagner nicht auf sich sitzen lassen, schließlich schreibt er ja für die „Achse des Guten“:

Zimbardos Fazit daraus: „Wir alle sind verführbar“. Das aber ist eine neue Form des Relativismus, es ist ein moralischer Relativismus, und, in den Zeiten des politisch Korrekten, wohl kaum überraschend. […] Nicht in einer von aggressivem Religionspotential gesteuerten Mentalität liege das Problem, sondern in der menschlichen Natur. Das heißt, wir sind auch nicht besser, trotz aller Grundsätze und Grundgesetze, als eine Gesellschaft ohne all das.

Der aufgeklärte Westler ist auch zu bösen Handlungen verführbar und nicht nur der zurückgebliebene Kamelficker? Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis erschafft sich das Weltbild von Richard Wagners da lieber ganz realsozialistisch einen besseren Menschen.

Das ist kurios. Denn gerade Richard Wagner und Achsen-Kollege Wolfgang Röhl sind bestimmt keine Geschwister Scholl. Eher im Gegenteil. Für Richard Wagner gehört Kritik am Vaterland in eine religiöse Kategorie, während Wolfgang Röhl sich „1000 Jahre Knast“ für diejenigen wünscht, die sich kritisch mit Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik beschäftigen:

Wenn vom 15. bis 24. August das „Antirassismus- und Klimacamp“ in Hamburg steigt, eine herrlich bunte Chaotenfete mit bis zu 2500 erwarteten Teilnehmern aus ganz Europa, kommen schnell mal 1000 Jahre Knast zusammen. Jahre wohlgemerkt, die hätten verhängt werden müssen, wenn Körperverletzungen, Landfriedensbrüche, Sachbeschädigungen usw., die bei früherer Randale wie in Heiligendamm verübt wurden, geahndet worden wären, was natürlich nicht der Fall ist.

Aber wie das mit 1000jährigen Dingen eben so ist: sie sind manchmal schneller zu Ende als von Wolfgang Röhl gewünscht. Denn warum wurden diese Straftaten „natürlich“ nicht geahndet? Weil sich viele Verfahren gegen Demonstranten als lächerliche Justizposse entpuppt haben, z.B. die Festnahme aufgrund des Besitzes einer Knirscherschiene. Und nun also ist Wolfgang Röhl ganz empört, dass Leute mit so gefährlichen Knirscherschienen, statt im Knast zu landen, frei herumlaufen und sich sogar in Antirassismus-Initiativen zusammenschliessen dürfen, um sich um Fälle wie den folgenden zu kümmern:

Dies war zum Beispiel im März 2005 der Fall bei Sarai Kameli, einer Iranerin, die wegen der Ehescheidung von ihrem muslimischen Mann und dem Übertritt zum Christentum bei erfolgter Abschiebung im Iran mit Steinigung bedroht gewesen wäre. Erst durch massive Proteste von Menschenrechtsgruppen und Kirchenvertretern vom niedersächsischen Landtag neu aufgerollt und als Härtefall zu Gunsten der Betroffenen entschieden.

Nun steht es natürlich jedem frei, dass einem solche Fälle völlig am Arsch vorbei gehen. Aber wie Wolfgang Röhl dann noch Leute in den Knast wünschen, die gegen staatliche Unmenschlichkeit ankämpfen – das ist arg zynisch. Da bleibt nur die Hoffnung, dass sich Wolfgang Röhl wenigstens nicht auch noch wie Richard Wagner für einen besseren Menschen hält.

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11 Antworten to “Team Richard Wagner/Wolfgang Röhl vs. Realität”

  1. jolly rogers Says:

    Naja, wenn ich recht informiert bin, muss man die Sache, zumindest im Falle Wagner, differenziert sehen: Schließlich lebte er lange unter dem Ceausescu-Regime in Rumänien. Das war sicher nicht einfach.

    Was die andere Flitzpiepe angeht, zitiere ich mal sinngenmäß den Broder: Je länger das Dritte Reich zurück liegt, desto entschlossener werden die Widerstandskämpfer gegen Hitler.

  2. che2001 Says:

    Ja verdammt, da hätte man doch das ganze Antirassismuscamp gleich umzäunen und zum Lager machen können! So ungefähr scheint ja jemand zu denken, dessen rationalisierte Hassausbrüche zu solchen Formulierungen finden: „Linke Autonome ist ein Euphemismus für zumeist junge, gewalttätige Sozialtransfer-Empfänger, die vorbestraft sind oder es doch sein sollten…. die Flurschäden, die von reisenden Chaoten angerichtet werden, welche bereits eine stinknormale Toilettenbenutzung für repressiven Scheiß halten… „Autonome“, die ja üblicherweise außer Klauen im Supermarkt nicht sehr viel erlernt haben“.

    Das erinnert mich nun an die alte Demoparole: „Wir sind die wilden Horden, wir plündern und wir morden, wir waschen uns nie, hoch die Anarchie!“

  3. Brodaganda Says:

    Danke, dass Ihr auch mal einen anderen Beitrag kommentiert. :)

    Che2001, Röhls Hass hinterlässt mich einigermassen ratlos. Es ist, vermute ich, der Hass der Ahnungslosen. Manchen Menschen droht mit der Abschiebung Folter oder Tod – ich glaube nicht, dass Röhl das wirklich kalt lassen würde, wenn er darüber mehr wüsste. Aber durch sein fehlendes Wissen kann er sich einfach nicht vorstellen, wieso sich manche Linke mit der Problematik beschäften. Zumal es ja auch sachlich falsch ist, was er schreibt: viele Menschen in den Antirassismus-Initiativen haben ein bürgerlichen Job oder sind durch entsprechendes Studium auf dem Weg dahin.
    Aber vielleicht rührt die Beschäftigung Linker mit diesem Thema am schlechten Gewissen hinter seiner bürgerlichen Rotwein-Fassade und deswegen wehrt er es so verzweifelt ab?

    Wie auch immer: was würdest Du so jemandem wie Wolfgang Röhl in einer ruhigen Minute über diese Thematik sagen?

  4. che2001 Says:

    Ihn vielleicht mal zu einer Veranstaltung von Pro Asyl einladen, oder Fotos von blutüberströmten Folteropfern zeigen. Obwohl, als ich das einmal gemacht hatte, wurde mir ernsthaft Bedienung von SM-Fantasien vorgeworfen, so verquer denken manche Leute.

  5. ramonschack Says:

    „Wie auch immer: was würdest Du so jemandem wie Wolfgang Röhl in einer ruhigen Minute über diese Thematik sagen“

    Brodaganda:

    Es kommt darauf an, was man sich von so einem Gespräch erhofft. Möchten Sie, was ich vermute, ihm die Meinung blasen? Oder, geht es Ihnen darum, bei dem Röhl einen Umdenkungsprozess einzuleiten?

    Herzlichst
    Ramon

  6. Brodaganda Says:

    Ramon,

    die Meinung habe ich ihm ja schon „geblasen“. Wenn auch eher virtuell, denn er wird das nicht lesen.

    Aber nach polemischen Worten habe ich ja doch das Bedürfnis, den Menschen Röhl zu verstehen. Weiss er, dass er wenig weiss über die Thematik oder bildet er sich ein, Bescheid zu wissen? Fühlt er ein klein wenig schlechtes Gewissen, weil er schreibt ohne zu wissen, was auf diesem Gipfel überhaupt passieren würde – oder ist er schrecklich stolz darauf, sich mit dem Objekt seiner Beschimpfungen gar nicht näher zu beschäftigen? Hasst er diese Leute wirklich oder ist ihm vielleicht einfach das Thema völlig egal: er brauchte ein Objekt für einen Artikel und hätte in genau den gleichen Worten über Mittelstufenlehrer geschrieben? Ist er sich bewusst, dass die Demonstranten zum Thema „Biosprit aus Südamerika“ genau die gleiche Meinung vertreten, wie sie auch auf der Achse geäußert wird?

    Das sind Fragen, die mich tatsächlich interessieren würden. Danach wünsche ich ihm etwas Ahnung von der Realität. Er kann sich ruhig über diese Leute lustig machen: aber fundiert. Das fände ich gut.

    Che2001,
    vielleicht sollte Pro Asyl Geschenkgutscheine über Aufklärungsstunden anbieten. Das wäre eine gute Idee.

  7. che2001 Says:

    Werde das mal dort oder beim Grundrechtekommitee vorschlagen.

  8. ramonschack Says:

    Brodaganda

    ich vermute, Sie sind eigentlich ein Philantrop.

  9. Brodaganda Says:

    Ramon,

    nur weil ich ab und zu verzögert antworte, um den Eindruck zu erwecken, ich hätte auch noch ein reales Leben und würde nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen können? Das ist alles nur Mache, lassen Sie Sich davon nicht täuschen!

  10. ramonschack Says:

    Nein, eher aus anderen Gründen!

    Gruß
    Ramon

  11. hartmut Says:

    http://kritik-und-kunst.blog.de/2008/10/15/freitag-kolleginnen-kollegen-ueberwaeltigender-mehrheit-sog-bankenrettungsplan-zustimmen-fordern-zustimmung-4874755

    Bitte weiter verbreiten

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