Doppeldenk mit Malte Lehming

Ein wichtiger Aspekt in George Orwells Beschreibung totalitärer Systeme wie Faschismus und Sozialismus ist die Doppelmoral. Unter anderem ausgedrückt in „Farm der Tiere“ durch die passende Ergänzung der Gebote, durch Doppeldenk in „1984“ und in beiden Büchern durch die heimliche Umschreibung früherer Ereignisse, so als hätte es sie nie gegeben.

Daran wird man erinnert, wenn man einen Kommentar von Malte Lehming im Tagesspiegel liest. Die Ausgangslage: bei der Obama-Rede in Berlin waren „aus Sicherheitsgründen“ generell keine Plakate zugelassen, was vorher bekannt war. Lehming zitiert nun einen Leserbrief von Ulf Soltau, in dem Soltau den falschen Eindruck zu erwecken versucht, er sei Aufgrund inhaltlicher Aussagen seines Plakates des Platzes verwiesen worden. Lehming nimmt den Leserbrief zum Anlaß, um das Plakatverbot mit den Zuständen in Nordkorea zu vergleichen und nennt die Situation eine in Demokratien unbekannte Bürgerrechtseinschränkung.

So sehr auch das Eintreten Lehmings für Bürgerrechte zu schätzen ist: Lehming hat offenbar verdrängt, welche absurden Anstrengungen und Verletzung der Grundrechte bei Bush-Besuchen in Deutschland unternommen wurden, um Bush von jeglicher Kritik abzuschirmen. Ganze Stadtviertel wurden weiträumig gesperrt. In Stralsund wurde die Bevölkerung kurzerhand durch eine Jubelmenge ersetzt. Wohnungen wurden wegen harmloser Transparente gestürmt (1, 2) und die Bewohner der Wohnung festgehalten, durchsucht und abgefilmt. Plakate wurden inhaltlich zensiert. Das allgemeine Plakatverbot bei der Obama-Rede ist dagegen im Vergleich harmlos.

Noch rauer sind die Sitten im Mutterland der freien Rede selbst: regelmäßig werden auf Wahlkampfveranstaltungen der Republikaner Menschen aufgrund des falschen Stickers, T-Shirts oder sogar eines Aufklebers nur am Auto des Platzes verwiesen oder eingeschüchtert (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7).

Bürgerrechte einfordern: ja. Aber so zu tun, als ob während des Obama-Besuches eine beispiellose Situation geherrscht hätte, ist Doppelmoral. Denn wenn Lehming die Bürgerrechtseinschränkung während der Obama-Rede beispiellos nennt, negiert er damit, daß eine solche beim Bush-Besuch vorgelegen habe. Angesichts der Faktenlage kann das aber nur heißen, daß Lehming Bush-Kritikern von vorneherein nicht im gleichen Maße Bürgerrechte zuspricht wie Obama-Kritikern. Damit teilt Malte Lehming Rechte nur selektiv zu.

Hier mag es nur um das Recht gehen ein Plakat der eigenen Wahl hochzuhalten. Aber die gleiche Denkweise findet sich in totalitären Ideologien in verschiedenen Abstufungen wieder – bis hin zum Recht auf Leben. Natürlich macht das Lehming nicht zum Protagonisten einer totalitären Ideologie. Aber totalitäre Systeme brauchen Menschen, die die Logik von selektiven Menschenrechten verinnerlichen. Normale Menschen. Menschen wie Malte Lehming.

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4 Antworten to “Doppeldenk mit Malte Lehming”

  1. Doppeldank Says:

    In der Tat, Doppelmoral ist eine der widerlichsten Phänomene von Ideologie. Schön auch der Schwenk über G.O. Farm der Tiere und 1984 „Doppeldenk“ bis hin zur jüngsten Vergangenheit. Doppelmoral, so meine Meinung, ist nicht eine spezifische Ausprägung von totalitären Regimen. Doppelmoral ist Bestandteil von Recht. Recht teilt ein in Richtig und Falsch und schon hier beginnt das Doppel am Doppeldenk. Wer es nicht schafft, die Trennung zw. Dem dort und Mir hier, zwischen den Bösen und den Guten aufzuheben, verfällt zwangsläufig in eine Doppelmoral. Doppeldenk ist weder Kind noch Vater totalitärer Strukturen; ist allein dem Urteil geschuldet, der Einteilung in richtiges und falsches Verhalten.

  2. hartmut Says:

    M.E. ist Doppelmoral eher Kern und Essenz bürgerlichen Denkens: Man gesteht anderen nicht zu, was man selber tut: Eigene Interessen zu verfolgen. Andere müssen immer selbstlos sein. Beispiel: Clements Schmarotzerdebatte. Wehe, ein Erwerbloser macht, was ein Typ wie Clement wie selbstverständlich für sich in Abspruch nimmt: Die geltenden Regeln zu seinen Gunsten auslegen…

  3. Brodaganda Says:

    @Doppeldank, hartmut:
    Meinetwegen, dann ist das vielleicht der Teil der Bürgerlichkeit, der den Totalitarismus hervorbringt.

    @Doppeldank:
    Es mag sein, daß die Einteilung in Richtig und Falsch schon der Kern der Doppelmoral enthält. Dennoch hat es eine andere Qualität, wenn man einigen Richtiges oder Falsches zugesteht, anderen aber nicht. Hier ist doch bereits der Weg zur Entrechtung eines als Feindes konstruierten Kollektivs angelegt, in der extremsten Ausformung bis hin zur Entmenschlichung dieses anderen Kollektivs.

  4. hartmut Says:

    @ brodaganda

    http://kritik-und-kunst.blog.de/2008/08/05/vera-gaserow-ex-aquot-linkeaquot-4547568

    so meinte ich das mit der bürgerlichen Moral. Deine Intuition, das habe mit Totalitarismus zu tun, ist hochinteressant. ich wälze gerade Hannah Arendt. Ggfls gibts ein „edit“ ;-)

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