Verdrängungsleistung in Tonnen

Der sich von bösen, ausländischen Sozialschmarotzern so arg über den Tisch gezogen fühlende arme kleine Deutsche Richard Wagner ist von der Achse des Guten inzwischen zum regulären Autoren geschlagen worden – offenbar möchte die Achse ihren nationalen Flügel stärken. Wohl bekomms.

Im Beitrag „Klaus Wowereit ist Paris Hilton“ beschäftigt sich Wagner nun mit der Schließung des Berliner Flughafens Tempelhof. Dabei beweist er allerdings ein derart schlechtes Gedächtnis, daß wohl nur freudsches Vergessen in Frage kommen kann:

Von Marzahn aus gesehen, ist Tempelhof weit weg, jedenfalls nicht näher als der ehemalige Ostflughafen Schönefeld, den der Berliner Senat favorisiert. In Marzahn betrachtet man die Tempelhofangelegenheit als West-Problem, als West-Luxusproblem. Immer wieder zeigt sich in den Berliner Debatten, auch über die Flughafenfrage hinaus, die Fremdheit zwischen Ost und West, die unterschiedliche Geschichte.

Die Betrachtung der Ost-West-Wahrnehmungsdifferenzen an sich mag sicher nicht falsch sein. Durch die monokausale Erklärung der Flughafen-Schließung im gesamten Beitrag erweckt Wagner allerdings den Eindruck, er glaube an eine ost-kommunistische Verschwörung, um den Flughafen Tempelhof als Symbol der Freiheit den Westberlinern zugunsten des „Ost-Flughafens“ Schönefelds zu entreissen. Aber wie war es wirklich?

Im sogenannten „Konsensbeschluss“ einigten sich 1996 Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) auf den Neubau eines Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI), in dessen Folge auch die Schließung der innerstädtischen Flughäfen Tempelhof und Tegel vereinbart wurde.

Oh nein! Die CDU scheint maßgeblich in diese kommunistische Verschwörung verstrickt gewesen zu sein. Kein Wunder, daß Wagner das lieber verdrängt. Aber was die CDU betrifft, ist Wagner mit seiner Verdrängungsleistung noch lange nicht am Ende:

Wenn das alteingesessene Bürgertum der Stadt zum Instrument des Plebiszits greift, so hat das zwar mit dem Nachkriegswestberlin und seiner kalten Abwicklung zu tun, aber auch mit der generellen Defensive, in die das Bürgerliche seit der Vereinigung geraten ist. Nach den schweren Krisen des politischen Filzes in den neunziger Jahren, die am deutlichsten mit dem Skandal um die Landesbank und ihre geschlossenen Fonds, von denen Politiker und Lobbyisten aller Richtungen profitierten, einschließlich die Millionäre von der PDS, zu tage trat, kam es in der Folge zu der bis heute im Halbschlaf regierenden Koalition aus Sozialdemokraten und SED-Erben.

Die einzige Partei, die einen derart hohen Anteil am Berliner Bankenskandel hat, daß sie namentlich genannt werden muß, ist also die PDS? Aber wie war es wirklich?

Unter dem Berliner Bankenskandal versteht man die Vorgänge um die landeseigene Bankgesellschaft Berlin, deren wirtschaftlicher Zusammenbruch das Land Berlin finanziell belastet. Bemerkenswert ist hierbei die starke Verflechtung zahlreicher Politiker der Koalition aus CDU und SPD. Gegen ehemals führende Mitglieder wie Klaus-Rüdiger Landowsky wird mittlerweile wegen Annahme von Bestechungsgeldern und Untreue ermittelt. Der Bankenskandal führte 2001 zum Sturz des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen. […] In den folgenden Monaten kam nach und nach das Ausmaß der Gesetzesverstöße zum Vorschein. So wurden seit langem und systematisch Verluste über Netzwerke von Strohmännern verborgen, Risiken aus Geschäften wurden mit dubiosen Verträgen auf das Land Berlin abgewälzt. Für einen ausgewählten Personenkreis (vor allem Prominente, Mitglieder der Regierungsparteien CDU und SPD, Bankmanager sowie deren Bekanntenkreis) wurden Sonderfonds angeboten, deren Konditionen noch wesentlich besser als die der normalen Immobilienfonds waren.

Und was ist mit den Millionären von der PDS? Soweit das Gedächtnis von Google reicht ungefähr folgendes:

Erst recht unverdächtig ist das Engagement von Gregor Gysi beim Fonds „IBV International 2“. Dieser Fonds, der auch Immobilien in den USA und Schweden umfasst, wurde erst von 2000 an vertrieben. Daher galten die steuerlichen Sonderabschreibungen Ost nicht mehr. Zudem hatte sich die Bankgesellschaft aus der früheren Kompletthaftung für die Fondsrisiken längst zurückgezogen. Der Fonds „IBV International 2“ hat Branchenbeobachtern zufolge in keiner Weise zur Schieflage der Bankgesellschaft beigetragen. Die Fonds-Zeichner kamen nicht mehr in den Genuss einer die gesamte Laufzeit von 20 Jahren umfassenden Mietgarantie.

Stattdessen wurde ihnen für nur zehn Jahre eine Mindestausschüttung in Höhe von sechs Prozent des gezeichneten Kapitals zugesagt. Und nur diese zehn Jahre lang haben Anleger die Möglichkeit, ihre Fonds-Anteile zu 90 Prozent des Ankaufswertes zurückzugeben. Davon hat Gysi jetzt Gebrauch gemacht, um erst gar keine Interessenkollisionen in seinem neuen Amt aufkommen zu lassen.

Fakt ist also: Der Berliner Bankenskandal ist ein Skandal des Filzes aus CDU und SPD, mithin genau jenes „Bürgerliche“, was Wagner so beschwört. CDU und SPD sind die Auslöser der finanziellen Misere, in der sich Berlin nun befindet und insbesondere auch diejenigen, die mit dem Abbau der Subventionen aus dem kalten Krieg nicht zurechtkamen. Und was Wagners schüchterne Formulierung „kam es in Folge“ betrifft, so kann man ruhig etwas deutlicher werden: Die Berliner CDU hat es ob ihrer massiven Verstrickung in diesen Skandal aus der Regierung gefegt, völlig zurecht. Und nun läuft Wagners Verdrängung zur finalen Hochform auf:

Dieses Berlin ist nicht Hauptstadt, weil es Hauptstadt wäre, sondern um einen Sonderstatus einzuklagen, die Subvention durch den Bund, also Deutschland. Das Zweckbündnis der linken Kräfte des Herzens in Ost und West bedient letzten Endes den Kreislauf der Sozialkassen. […] Das aber beschäftigt praktisch niemanden und schon gar nicht die Helden der Spaßgesellschaft. […] Verloren haben am Sonntag die Gegner der Spaßgesellschaft, die, die es ernst meinen mit Wirtschaft und Leistung, mit der Zukunft unserer Gesellschaft, sie haben am Sonntag symbolisch verloren, tatsächlich haben sie schon lange verloren.

Fakt ist: in das, was Wagner nun allein den „linken Kräften“ in die Schuhe schieben möchte, ist maßgeblich auch die CDU verstrickt, unter anderem durch den Bankenskandal: sich auf Subventionen durch den Sonderstatus Berlins verlassen, eine sich persönlich bereichernde „Spaßgesellschaft“ bilden, sich nicht damit zu beschäftigen, was das für die Zukunft Berlins bedeutet und so den Gedanken von „Wirtschaft und Leistung“ nachhaltig auf den Kopf stellen und ruinieren.

Es ist schon beachtlich, zu welch kapitalen Verdrehungen Richard Wagner greifen muß, um sein Weltbild zu retten – ähnlich grandios wie die Leistung der Berliner CDU, gegen ihr eigenen Beschlüsse zur Flughafen-Schließung eine Kampagne zu fahren. Vielleicht ja Alzheimer im Endstadium – bei beiden.

Anmerkung: Hervorhebung in Zitaten von Brodaganda.

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Eine Antwort to “Verdrängungsleistung in Tonnen”

  1. Generation Schreibmaschine « Brodaganda Says:

    […] überfordern. Ähnlich wie Achsenkollege Richard Wagner ist er sicher schon damit ausgelastet, CDU-Peinlichkeiten zu verdrängen – in diesem Fall wie realsozialistisch die Zensurgelüste des erfolglosen Politclowns Pflüger […]

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