Blinder Seher

Broder hält viel von seinen prophetischen Fähigkeiten. Schließlich sieht er schon seit Jahren die Islamisierung Europas vorher. In einer anderen Vorhersage besaß er einstweilen jedenfalls kein glückliches Händchen. Das mag vielleicht auch daran liegen, daß es sich dabei um eine oft verwendete Klage handelt, die inzwischen nicht mehr mit der Realität abgeglichen wird. Die Klage lautet, daß dem Nahost-Konflikt ein Übermaß an Aufmerksamkeit zuteil würde, während sich für andere Konflikte kein Schwein dieser Erde interessiert:

Überhaupt redet kaum jemand über Tibet, von den Exil-Tibetern mal abgesehen. […] Weil aber weder die Amis noch die Zionisten der “Israel-Lobby” dahinter stecken, regt sich keine Sau darüber auf.

Prinzipiell ist nicht falsch, daß der Nahost-Konflikt mehr Aufmerksamkeit erfährt. Die geographische Nähe, die Verbindung zur deutschen und europäischen Geschichte und die komfortable Situation für Journalisten bedingen das.

Dennoch hat sich Broders Klage vom 15. März über die Nichtbeachtung des Tibet-Konfliktes im Vergleich zum Nahost-Konflikt inzwischen als grundfalsch erweisen. Allein die von Broder so gern als „Kinderstürmer“ geschmähte taz hat diesem Konflikt die Aufmacher der Titelseiten der Ausgaben vom 17., 18., 19., 22. und vom 25. März gewidmet. Warum so wenig? Eine Menge Sonn- und Feiertage lagen dazwischen, an denen die Zeitung nicht erscheint. Aber das ist dennoch beeindruckend mehr als die drei Beiträge, die im gleichen Zeitraum auf der Achse des Guten (am 20., 21. und 25. März) explizit diesem Thema gewidmet sind. Obwohl die Achse des Guten auch an Feiertagen erscheint.

Warum entblößt Broder bloß immer seine eigene Doppelmoral, wenn er eigentlich die anderer entblößen will?

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4 Antworten to “Blinder Seher”

  1. SM Says:

    Zunächst einmal müßte man sich eh Fragen, was schlecht an einer intensiven Berichterstattung sein soll.
    Dass viele andere Problemzonen der Welt zu kurz kommen, stimmt. Ironischerweise tut Broder so, als sei Israel daran Schuld…

    Jedenfalls: Platz in den Zeitungen wäre genug.

  2. Brodaganda Says:

    @SM:
    Es ist nun auch nicht von der Hand zu weisen, daß jemand, über dessen eine Missetat 25 mal informiert wird, schlechter dabei wegkommt, als jemand mit 25 Missetaten, wo nur über eine einmal informiert wird.
    Allerdings macht sich mit Verweis darauf im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt auch oft eine Art Relativierung breit. Da wird dann gefragt, wieso man einen demokratischen Staat für etwas kritisieren soll, wenn weit schlimmeres in der Diktatur nebenan passiert. Ich denke, daß Broder recht oft diese Relativierung versucht und damit letztendlich die Standards der Demokratie denen der Diktatur angleicht. Damit scheint Broder kein großes Problem zu haben – wie auch bei anderen Gelegenheiten zu sehen.

  3. Karl Says:

    Zudem könnte man im aktuellen Zusammenhang aus der Nachrichtenlage ableiten, daß die Tibeter im Gegensatz zu den Palästinensern einfach zu friedlich waren, um Aufmerksamkeit in der Presse zu erhalten.

    Im Umkehrschluß würde das bedeuten, daß die Landnahme der Israelis und das Elend der Palästinenser schon lange vergessen wäre, würden die Palästinenser ihrem Unmut nicht immer wieder explosiv Ausdruck verleihen.

  4. Brodaganda Says:

    @Karl:
    Das Elend der Palästinenser vergrößert sich nun gerade mit dem Maße der Explosivität. Möglicherweise ließ sich die Besiedlung der besetzen Gebiete im Windschatten dessen auch etwas besser betreiben.
    Dennoch hat die Besiedlung immer stattgefunden und wäre wohl in jedem Falle – ob mit oder ohne Selbstmordattentate der Palästinenser – betrieben worden. Ich vermute, daß das keiner wirklich bestreiten will. Und da ist es richtig: Broder kann keine Alternative für die Palästinenser anbieten, die das hätte verhindern können. Insofern hat er, so ironisch er das auch aufbereiten mag, auch nichts gegen die von Dir genannte Schlußfolgerung in der Hand.

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