Carrell und Karneval

In einem Interview des schweizer Fernsehsenders Telebasel am 15. Februar 2007 gab es wieder einige der typischen Henryk M. Broderschen Lügen zu hören:

Vor genau zwanzig Jahren gab es einen kleinen Vorfall im deutschen Fernsehen. Da hat Rudi Carrell mit Büstenhaltern nach einem Bild von Ayatollah Khomeini geworfen. […] Die Bundesregierung hat sich bei den Ayatollahs entschuldigt.
(Broder ab Minute 1:26)

Richtig ist: zwar hat sich Carrell entschuldigt, nicht aber die Bundesregierung:

Bonn reagierte postwendend: Man billige den Sketch zwar nicht, ja man bedauere ihn sogar und halte ihn für geschmacklos, aber die Bundesregierung könne sich nicht für etwas entschuldigen, was sie nicht zu verantworten habe. Im Übrigen herrsche in Deutschland Pressefreiheit, es gebe im Gegensatz zu Iran weder Staatsfernsehen noch einen Zensor.
(Süddeutsche: Die Strumpfbandaffäre)

Broder weiter:

[…] heute habe ich […] gehört, daß in diesem Jahr in den Karnevalsumzügen wieder keine islamischen Themen auf die Wagen gestellt werden. […] Aber sonst haben sie gar keine Bedenken Angela Merkel oder George Bush durch den satirischen Kakao zu ziehen.
(Broder ab Minute 4:39)

Ein Artikel auf Spiegel Online am 15. Februar zeigt, daß Broder auch hier wieder die Unwahrheit sagt. Sowohl im Jahr 2006 als auch im Jahr 2007 gab es eine Thematisierung dieses Themas:

Ein Jahr danach scheint es, als habe Jacques Tilly Nachholbedarf. […] Die jecke Schonzeit für Muslime ist vorbei. „Wir gehen das Thema auf jeden Fall an“, kündigt Jürgen Rieck an, der Geschäftsführer des „Comitees Düsseldorfer Carneval“. Man wolle „deutlich werden“, ohne unter die Gürtellinie zu treffen. „Einer der Wagen hat’s wirklich in sich“, verspricht auch Tilly, der sei „hart an der Grenze“.
[…]
Und so ganz verzichteten die Düsseldorfer vor Jahresfrist auch nicht darauf, den Karikaturenstreit öffentlichkeitswirksam aufzugreifen, trotz aller Sicherheitsbedenken. So trugen die Jecken die Meinungsfreiheit symbolisch zu Grabe, den Sarg von einem Krummsäbel durchstochen.
(Spiegel: „Es muss krachen“)

Der 2007er Motivwagen zeigt zwei mit Krummsäbel, Pistole und Sprengstoffgürtel bewaffnete Turbanträger – besser dürfte sich Broders Wunsch kaum verwirklichen lassen. Im selben Artikel wird auch mit der Lüge aufgeräumt, die im zweiten Teil des Broderschen Satzes steckt:

Im vergangenen Jahr wurde zwei Tage vor Rosenmontag eine George-W.-Bush-Figur aus dem Zug gekippt. Düsseldorfer Rathauskreise hatten von dem grenzwertigen Motiv Wind bekommen und interveniert.
(Spiegel: „Es muss krachen“)

Broders Behauptung, es gäbe keine Bedenken gegenüber Satire in Bezug auf George W. Bush, ist also schlicht falsch.

Primärlinks:
Telebasel: Videointerview im wmv-Format
Spiegel: „Es muss krachen“
Spiegel: Bewaffnete Mullahs empören Muslime
Süddeutsche: Die Strumpfbandaffäre

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11 Antworten to “Carrell und Karneval”

  1. Flo Says:

    Na ja, dafür, dass das jetzt der große „Broders-Lügen-Entlarfungs-Blog“ werden soll, steht hier aber noch ein bißchen wenig drin. Bei der Pubilaktionsmenge von Broder und den hier dargestellten „Lügen“ ist das Verhältnis zu Gunsten des Herrn Broder eindeutig. Da muss schon mehr kommen, denn im Moment ist steht es wohl 999999999 zu 1 für Broder ;)
    Oder ist das ein insgeheimer „Broder-Bestätgigungs-Blog“, weil da wo keine Kritik…?

  2. Brodaganda Says:

    Wie das immer so ist: Zeit/Interesse genug, ein neues Projekt anzufangen, im folgenden dann aber erstmal wenig Zeit/Interesse, es fortzuführen. Das ist auch nicht so schlimm, denn ich sehe das eher langfristig. Es muß eben keine tagesaktuelle Diskussion von Broders Output sein. Im Gegenteil: viele „Watchblogs“ verbeißen sich dann irgendwann in Banalitäten, weil sie eine bestimmte Beitragsdichte erreichen wollen. Klar sind derart lange Pausen für Leute frustrierend, die hier öfter vorbeiklicken. Deswegen mein Rat: lieber den RSS-Feed abonnieren. Wenn dann mal was passiert, dann sieht man es – und ansonsten muß man sich keine Gedanken machen. Ich habe mich die letzten Wochen gar nicht damit beschäftigt. Es kommen bestimmt neue Beiträge, nur eben nicht so schnell.

  3. Stas Says:

    Danke für den Blog. Broder hat mich darauf gebracht, auf Deutsch zu bloggen – mein Bericht über seine gestrige Lesung auf der Leipziger Buchmesse: http://fieryjack.blogspot.com/2007/03/henryk-m-broder-kennt-den-unterschied.html

  4. 37.6-Blog Says:

    Juror befiehl! Sie folgen Dir!

    Wann ist eine Jury eine Jury? Nun, bei Grisham und auch sonst im richtigen Leben ist eine Jury ein Gremium mit Entscheidungskompetenz. Und weil sich Entscheidungen nur schwer treffen lassen, wess zu einem Patt kommt, gehren einer Jury wenigsten drei …

  5. Perspektive2010 Says:

    Irgendwie ist es immer der gleiche altbackende Kram, auf dem Broder seine antiislamische Hetze aufbaut:

    1. Fall Rudi Carrell (der bei Broder Geschwafel wohl im Grabe rotiert)
    2. Fall Rushdie und die Todes-Fatwa
    3. Mord an Theo van Gogh
    4. Mohammed-Karikaturen
    5. (zukünftig dabei:) Scharia-Richterin von Fraankfurt

    Es langweilt langsam und als Beleg für eine Islamisierung, Unterwanderung oder Machtergreifung der Moslems in Europa oder Deutschland ist das mehr als dürftig, wenn nicht gar absolut lächerlich. Genauso lächerlich wie der SPIEGEL, der nach dem Urteil der „Scharia-Richterin“ groß mit „Mekka Deutschland“ titelte, aber noch vor Erscheinen der Ausgabe kamen so langsam die Fakten ans Licht, die aus dem vermeintlichen Skandal kaum mehr als ein 0815-Urteil mit idiotischer Urteilsbegründung machte, da die Richterin offenbar überarbeitet war.

    Gruß

    Alex

  6. Brodaganda Says:

    @Stas: Broder antwortet offenbar nur auf E-Mails, um den Gegenüber zu beleidigen. Das muß man mit Humor nehmen. Aber natürlich hat er kein Interesse an ernsthafter Auseinandersetzung. Es geht ihm darum seine Agenda zu verbreiten. Das ist seine Nische, davon kann er leben. Es geht ihm ja nicht um Wahrheitsfindung, oder sowas.
    @37.6: Gerade mal drei Beiträge und schon in nem Blogroll. Leute, wartet doch erstmal ab, ob das hier was wird. :) Ich versuche Zeit dafür zu finden, aber so schnell wird das alles noch nichts.

  7. crazychester Says:

    Der Motivwagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug 2006, auf dem Angela Merkel dem George Bush bzw. einer „Uncle-Sam“-Figur in den Ar*** kriecht, ist aber tatsächlich gezeigt worden:

    http://tinyurl.com/yoc2b2

    Da hat der Spiegel wohl etwas nicht mitbekommen.

    Zur Rudi Carell/Khomeini-Affäre habe ich auch nur den SZ-Artikel gefunden. Wenn denn die offizielle Stellungnahme der Bundesregierung einigermaßen vollständig wiedergegeben wird, so würde ich schon die Interpretation teilen, dass man sich -wortreich und gewunden- entschuldigt hat. Auch wenn man behauptet, gerade das nicht zu tun.

    Rudi Carell hat übrigens, viele Jahre später, im Fernsehen doch noch mal einen ziemlich zotigen Witz gebracht, in welchem es um die sexuelle Orientierung von Klaus Wowereit und die Körperhaltung der Muslime beim Beten ging.

  8. Brodaganda Says:

    @Crazychester: Diesen Motivwagen gab es. Das steht ja auch gar nicht im Widerspruch zum Spiegelartikel. Broders Aussage hingegen, daß es „gar keine Bedenken“ gäbe, George Bush durch den Kakao zu ziehen, steht eindeutig im Widerspruch zu der Tatsache, daß ein anderer Motivwagen mit George Bush aus dem Programm gekippt wurde.

  9. pavel Says:

    Na, euch ging ja schnell die Puste aus. Kommt da noch was?

  10. 42 Says:

    Analyse: Rohrkrepierer.
    Frage: Lügt der flasche Broder etwa nicht mehr?

  11. Brodaganda Says:

    Ich kann der Analyse nur zustimmen. :) Nach den zwei Artikeln und Ideen für zwei neue hatte ich spontan keine Lust mehr, Broders Ergüsse auf achgut überhaupt nur zu lesen. So kanns kommen. Der Blog hat sich erstmal schlafen gelegt.

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