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Carrell und Karneval

4. März 2007

In einem Interview des schweizer Fernsehsenders Telebasel am 15. Februar 2007 gab es wieder einige der typischen Henryk M. Broderschen Lügen zu hören:

Vor genau zwanzig Jahren gab es einen kleinen Vorfall im deutschen Fernsehen. Da hat Rudi Carrell mit Büstenhaltern nach einem Bild von Ayatollah Khomeini geworfen. […] Die Bundesregierung hat sich bei den Ayatollahs entschuldigt.
(Broder ab Minute 1:26)

Richtig ist: zwar hat sich Carrell entschuldigt, nicht aber die Bundesregierung:

Bonn reagierte postwendend: Man billige den Sketch zwar nicht, ja man bedauere ihn sogar und halte ihn für geschmacklos, aber die Bundesregierung könne sich nicht für etwas entschuldigen, was sie nicht zu verantworten habe. Im Übrigen herrsche in Deutschland Pressefreiheit, es gebe im Gegensatz zu Iran weder Staatsfernsehen noch einen Zensor.
(Süddeutsche: Die Strumpfbandaffäre)

Broder weiter:

[…] heute habe ich […] gehört, daß in diesem Jahr in den Karnevalsumzügen wieder keine islamischen Themen auf die Wagen gestellt werden. […] Aber sonst haben sie gar keine Bedenken Angela Merkel oder George Bush durch den satirischen Kakao zu ziehen.
(Broder ab Minute 4:39)

Ein Artikel auf Spiegel Online am 15. Februar zeigt, daß Broder auch hier wieder die Unwahrheit sagt. Sowohl im Jahr 2006 als auch im Jahr 2007 gab es eine Thematisierung dieses Themas:

Ein Jahr danach scheint es, als habe Jacques Tilly Nachholbedarf. […] Die jecke Schonzeit für Muslime ist vorbei. „Wir gehen das Thema auf jeden Fall an“, kündigt Jürgen Rieck an, der Geschäftsführer des „Comitees Düsseldorfer Carneval“. Man wolle „deutlich werden“, ohne unter die Gürtellinie zu treffen. „Einer der Wagen hat’s wirklich in sich“, verspricht auch Tilly, der sei „hart an der Grenze“.
[…]
Und so ganz verzichteten die Düsseldorfer vor Jahresfrist auch nicht darauf, den Karikaturenstreit öffentlichkeitswirksam aufzugreifen, trotz aller Sicherheitsbedenken. So trugen die Jecken die Meinungsfreiheit symbolisch zu Grabe, den Sarg von einem Krummsäbel durchstochen.
(Spiegel: „Es muss krachen“)

Der 2007er Motivwagen zeigt zwei mit Krummsäbel, Pistole und Sprengstoffgürtel bewaffnete Turbanträger – besser dürfte sich Broders Wunsch kaum verwirklichen lassen. Im selben Artikel wird auch mit der Lüge aufgeräumt, die im zweiten Teil des Broderschen Satzes steckt:

Im vergangenen Jahr wurde zwei Tage vor Rosenmontag eine George-W.-Bush-Figur aus dem Zug gekippt. Düsseldorfer Rathauskreise hatten von dem grenzwertigen Motiv Wind bekommen und interveniert.
(Spiegel: „Es muss krachen“)

Broders Behauptung, es gäbe keine Bedenken gegenüber Satire in Bezug auf George W. Bush, ist also schlicht falsch.

Primärlinks:
Telebasel: Videointerview im wmv-Format
Spiegel: „Es muss krachen“
Spiegel: Bewaffnete Mullahs empören Muslime
Süddeutsche: Die Strumpfbandaffäre

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